Handgeschnitzte, vollmassive 17 Zoll Archtop Jazzgitarre mit Cutaway

Von Martin Kemmler

Im Frühjahr 2014 entstand eine 17 Zoll Jazzgitarre, die aus dem vollen Holz von Hand herausgearbeitet wurde. Ein Freund vermachte mir 32 Cellodecken aus Fichte, die er vor ca. 20 Jahren aus der Konkursmasse der Musima herauskaufte. Als Boden wurde ebenfalls ein abgelagerter Rohling für ein Cello aus geflammtem Ahorn verwendet. Fichtendecke und Ahornboden wurden nach Anleitung aus dem Buch von Robert Benedetto von Hand herausgearbeitet.

Im Unterschied zu Benedetto erhielten Decke und Boden wesentlich stärkere Wölbungen.

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Klassische Instrumente wie Celli und Violinen haben ebenfalls starke Wölbungen und klingen besonders warm und voluminös. Es soll eine Jazzgitarre mit warmem Klang entstehen – im Gegensatz zu vielen deutschen Schlaggitarren, die oft sehr hell und höhenreich klingen, bis hinein zu einem klirrenden, fast schon scheppernden Klangbild.

 

 

Als Klangvorbilder dienen Gitarren von Epiphone (Broadway aus den 40er Jahren), Gibson Super 400 und Artur Lang.

Beim Restaurieren von Jazzgitarren fiel mir auf, dass handgeschnitzte Jazzgitarren mit stärkerer Wölbung von Decke und Boden und starkem Carving (z. B. Lang und Otwin) einen hervorragenden Klang aufweisen. Da die Decken zum Teil sehr dünn herausgearbeitet wurden (Bsp. Otwin-Gitarren) ist das Ansprechverhalten naturgemäß sehr gut – aber auch das Sustain ist ausgeprägt. Darüber hinaus weisen stark gewölbte Jazzgitarren eine sehr gute Dynamik auf. Offensichtlich vereint man mit einer stark gewölbten und etwas dünneren Decke Klangeigenschaften, die sich sonst eher ausschließen.

Dieser Beobachtung folgend, wurden Decke und Boden ohne Vorlage freihändig geschnitzt. Die Angaben für die Stärken der Fichtendecke (je nach Region) von Robert Benedetto wurden jedoch beachtet.

Als Pickup wurde ein flacher Kent Armstrong eingebaut. Unter dem Schlagbrett wurden zwei Thumbwheel-Potis für Volume und Tone angebracht. Die Klinkenbuchse ist als Endpin ausgeführt.

Im Unterschied zur Vorlage Benedettos konnten durch die stärkere Wölbung der Decke etwas

schwächere und kürzere Balken eingebaut werden. Das soll den warmen und voluminösen Ton unterstützen.

 

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Die Gitarre hat folgende Merkmale:

  • Abmessungen 17 Zoll mit Cutaway (Benedetto-Form)
  • Handgeschnitzte Fichtendecke und handgeschnitzter, geflammter Ahornboden, parallel-Bracing
  • Zargen aus geflammtem Ahorn (2,5 mm massiv)
  • Reifchen aus Mahagoni
  • F-Löcher entsprechend „Kurt Seifert“
  • Länge 107 cm
  • Zargentiefe: 84mm
  • Hals: geflammter Ahorn mit 2-Wege-Halsstab, Schwalbenschwanz; eingeleimt
  • Kopfplatte: Ebenholz mit Einlagen aus Perlmutt entsprechend Gibson, eigenes Logo
  • Mensur: 65 cm, Ebenholz Griffbrett, Einlagen Perlmutt entsprechend Gibson Super 400
  • 22 Bünde, Knochensattel
  • Sattelbreite: 45 mm
  • Saitenbreite: 60 mm
  • Binding: Decke und Boden (6 fach) plus Fishbone Purfling, Hals und Kopfplatte 3-fach
  • Brücke aus Ebenholz (Höfner Modell)
  • Schlagbrett Ebenholz mit Einlagen
  • Saitenhalter: Eigenbau mit Perlmutt-Einlagen, Erdung der Saiten)
  • Kent Armstrong Pickup mit Tone- und Volumecontrol (Thumbwheels)
  • Schaller Vintage Mechaniken
  • Gelborange/rotbraune Sunburst-Lackierung (Nitrolack)
  • Angenehme Bespielbarkeit, sehr gute Saitenlage
  • Besaitung: Thomastik Flatwound (12er)

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Die Gitarre weist die gewünschten positiven Klangeigenschaften als Jazzgitarre auf und ist überdies hervorragend bespielbar.

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Klangbeispiel

Alicia´s Lullaby von Attila Zoller, gespielt von Lucas Kemmler

 

Akustisch 

Verstärkt 

 

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RESTAURATION EINER LANG – SUPER – DELUXE

LANG – SUPER – DELUXE

von Herbert Rittinger

Wieder einmal ist eine vornehme alte Dame in kritischem Zustand in die Notaufnahme meiner Gitarrenklinik eingeliefert worden.

Der Verkäufer hatte sich alle Mühe gegeben, die mannigfaltigen Verletzungen nicht zu offenbaren.

Umso erstaunter war ich, als ich bei der Übergabe des Instruments, in der Zarge, auf der Bassseite am großen Bug, zahllose klaffende Risse entdeckte. Dazu gesellten sich noch Decken- und Bodenablösungen mit den dazugehörigen Zargenüberständen.

Allein meine Verbundenheit mit dem berühmten Erbauer und dessen genialer Arbeit hat mich dazu bewogen, die Operation durchzuführen.

 

Die Untersuchung offenbarte folgende Schäden: 

  • 2 Risse in der Decke
  • 16 Risse und ein Loch in der Zarge, davon 13 Risse auf der Bassseite am großen Bug
  • 18 Bohrlöcher in Zarge und Binding im Bereich der Befestigung des Schlagbretts
  • 3 Decken- und Bodenablösungen am großen Bug mit Zargenüberstand
  • lose Bindings an Korpus und Hals
  • 25 Bohrlöcher im Hals
  • Griffbrettschäden, desolate Bundstäbe und durchgeschnittenes Griffbrett-Binding
  • Gebrochenes Brückenoberteil
  • fehlender Originalsaitenhalter
  • fehlendes Schlagbrett
  • zerstörter Gurtpin
  • desolater Zustand der Lackierung und der Hardware

 


 

Restaurationsbericht: 

Zuerst demontierte ich die Gitarre, entfernte den Hals und überarbeitete die Passfläche im Korpus und am Hals. Die Halsbefestigung habe ich umgestellt auf  „geschraubt“. Dazu war die Anfertigung und Montage eines speziellen Schraubankers nötig. Ein vergrößerter Halswinkel sorgt nun für eine höhere Stegauflagekraft die eine bessere Klangübertragung garantiert. Es folgte die Neubundierung und das Tuning des Griffbretts und der Bundstäbe.

Sodann waren die notwendigen Reparaturen am Korpus an der Reihe, wobei die Verleimung der zahllosen Zargenrisse die größte Herausforderung darstellte. Um eine absolut sichere Verleimung zu gewährleisten, habe ich erstmalig ein neues Druck-Injektionsverfahren angewandt.

Es folgte die Reparatur der Risse in der Decke und das Verleimen der losen Bindings. Die Reparatur der Decken- und Bodenablösungen und die Egalisierung der Zargenüberstände waren der nächste Schritt.  Nun konnte das Entlacken von Hals und Korpus, inklusive Feinschliff, in Angriff genommen werden.  Die Lackierung erfolgte in mehreren Schritten mit Zwischenschliff und künstlicher Alterung. Dieser spezielle Vorgang hat neben der klanglichen Verbesserung ein Anfeuern des Lacks zur Folge, sodass auf  die Einfärbung der transparenten Beschichtung verzichtet werden kann.

Nach der Neuanfertigung der fehlenden und der Überarbeitung der vorhandenen Hardware war die Endmontage, sowie das Stimmen und Justieren, der letzte Schritt in einer langen Kette von Arbeitsfolgen.

Mit dem optischen Ergebnis, vor allem aber mit dem Klang, bin ich mehr als zufrieden. 


Bilder „vor der Restauration“

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Die Arbeiten im Einzelnen: 

  • Gitarre demontiert
  • Hals ausgebaut
  • Halslager im Korpus überarbeitet
  • Passfläche am Hals für optimalen Halswinkel nachgearbeitet
  • Spezialanfertigung und Montage von Schraubanker
  • lose Bindings am Hals verleimt
  • Neubundierung
  • Bundstäbe unterkoffert
  • Bünde abgerichtet, profiliert, Enden verrundet und poliert
  • Griffbrett überarbeitet, geschliffen, poliert und gewachst
  • Zargenrisse druckverleimt
  • 2 Deckenrisse verleimt
  • Decken- und Bodenablösungen verleimt und verschliffen
  • Zargenüberstände egalisiert und retuschiert
  • lose Bindings am Korpus verleimt und verschliffen
  • Korpus und Hals entlackt, feingeschliffen und retuschiert
  • Lackierung mit Zwischenschliff, künstlicher Alterung, Endschliff und Politur
  • Steg repariert, gewichtsoptimiert, angepasst und poliert
  • Spezialanfertigung von originalgetreuem Schlagbrett + Halter
  • Mechaniken überholt
  • Kopfplatte poliert und neu verschraubt
  • montiert, besaitet und justiert
  • dokumentiert und fotografiert

 

 

Nachrüstung:

  • Original LANG-Saitenhalter
  • D´ Armond Rhythm Chief 1000
  • Gurthalter Endpin
  • Gurthalter Halsfuß

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 Bilder „nach der Restauration“

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