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RESTAURATION EINER HOYER FANTASTIK von Herbert Rittinger

Einige Jahre sind vergangen seit ich diese einmalige und äußerst seltene Gitarre 2009 auf ebay ersteigert habe.
Sie gehörte dem englischen Musiker Carl Goldie, einem Musikerkollegen der Beatles.
Einen interessanten Artikel über die Geschichte dieses Instruments gibt es hier:

HOYER FANTASTIK

HOYER FANTASTIK -Artikel von Stefan Lob














In Ergänzung zum oben genannten Artikel möchte ich folgendes hinzufügen:

Anhand der mir zur Verfügung stehenden technischen Daten ist erkennbar, dass im Laufe des relativ kurzen Produktionszeitraums konstruktive Änderungen durchgeführt wurden.
Im Gegensatz zu den ersten, ca. 1958 gebauten Instrumenten, weisen die später produzierten Modelle folgende Änderungen auf:









• Zwei der insgesamt 6 Resonanzkörper sind aus Palisander – zuvor waren alle aus Ahorn
• 4 zusätzliche Parallelogramm- Schalllöcher in den Resonatoren am großen Bug
• 5 zusätzliche Schalllöcher mit 9mm Durchmesser in jedem Palisander-Resonator
• Die Korpushöhe wurde von 9 cm auf 8 cm reduziert
• Randzierstreifen am Boden sind mehrfarbig – bis dato einfarbig weiß
• Zwischen den einzelnen Röhren wurden Blendleisten eingeleimt (wegen Polierproblemen?)
• Verlegung der Röhren-Basisstege ins Röhreninnere – Korpusbreite um 1cm verringert
• Aussparungen in den Basisstegen beidseitig als Halbkreis – vorher mittige Löcher Ø40
• Halssperrung 9-fach anstatt 3-fach
• Hals und Kopfplatte aus einem Stück – Kopfplatte war zuvor angeschäftet
• Kopfplattenoberseite plan – war gewölbt
• Kopfplattenende gerundet – war spitz
• Schräger Hoyer-Schriftzug auf der Kopfplatte – war vertikalsymmetrisch


Merkmale und Ausführungen:

• 6 Holzröhren verschiedener Länge mit je einem, bzw. 2 parallelogrammf. Schalllöchern
• planer Boden aus massiver Fichte, 5mm dick, schwarz lackiert, mit Randzierstreifen
• pfeilförmige Perloid-Griffbretteinlagen mit Mittelstreifen und roter Einlage im 12. Bund
• geprägte, gekapselte Einzelmechaniken mit 7mm Wellen und Butterfly-Wirbeln von Kolb
• Zebra-Binding um die Kopfplatte
• Sattel dreistreifig rot/weiß/rot
• Trapezförmiger Saitenhalter aus zwei Rohren Ø15×1 mit 2 massiven Querstreben Ø10
• Hoyer-Patentsteg mit modifiziertem Unterteil


Zustand der Fantastik vor der Restauration

Die Gitarre war im Laufe der Jahre von ihrem Besitzer umfangreich modifiziert worden.
Der originale, am Halsende befestigte IDEAL-Tonabnehmer von FUMA wurde entfernt und durch 3 PU´s ersetzt. Ein Hals PU, ein davor montierten Abnehmer für die E und A-Saite und ein Steg-PU sorgten für ausreichende elektrische Power. Die Schaltung war so konzipiert, dass die tiefen Saiten über einen eigenen, unabhängig steuerbaren, Regelkreis verfügten. Dem Trend der Zeit entsprechend durfte natürlich ein Bigsby + Rollerbridge nicht fehlen. Es gab nur einen Multiswitch, der die Beschaltung der einzelnen PU´s steuerte. Volumen- und Tonregelung erfolgte extern am Amp.

Die Inspektion offenbarte folgende Schäden und Mängel:

• 52 offene und zum Teil verschlossene Bohrlöcher in den Resonatorröhren
• stümperhaft verleimte Risse im Boden
• 4 ausgesägte Öffnungen im Boden, zur einfacheren Montage der Elektrik
• gebrochener Halsfuß
• offene Leimfugen im Hals und in der Kopfplatte
• Originalsaitenhalter durch ein Bigsby Tremolo ersetzt
• Mechaniken nicht original
• Steg nicht original
• Schlagplatte nicht original
• Gurthalter am Halsfuß fehlt

Bilder vor der Restauration: 



Restaurationsbericht:

Nach der Demontage der HW und der gesamten Elektrik war als erstes die Reparatur der laienhaft verleimten Risse im Boden an der Reihe. Danach wurden die großen Öffnungen im Boden, mit Hilfe von Schablonen, nachgefräst und passgenaue Fichtenholzsegmente eingeleimt und verschliffen. Das Verfüllen und Verschleifen der unzähligen Bohrlöcher war der nächste Schritt.
Es folgte die Stabilisierung der offenen Leimfugen am Hals und an der Kopfplatte. Die Bundstäbe wurden unterkoffert, abgerichtet, profiliert und poliert, das Griffbrett abgezogen und versiegelt. Nun war die Aufarbeitung der gesamten Lackierung an der Reihe. Nach dem Feinschliff des bestehenden Lackes war die Retusche angesagt. Die schwarze Lackierung des Bodens, inklusive Feinschliff, war der nächste Schritt. Danach konnte die ganze Gitarre mit einem transparenten Überzug versiegelt und anschließend geschliffen und auf Hochglanz poliert werden, wobei die Politur der röhrenförmigen Resonatoren, bis tief in den Spaltengrund der Blendleisten, alles andere als ein Kinderspiel war. Nun konnte die Anfertigung der originalgetreuen Kopien von Saitenhalter, Stegunterteil und Schlagbrett in Angriff genommen werden, was eine längere Zeit in Anspruch genommen hat. Nicht einfach gestaltete sich die Auswahl und Montage des passenden Hals-Tonabnehmers. Der von Hoyer hergestellte Single Coil mit verchromtem Gehäuse, Polschrauben und eingeprägtem Logo erfüllte am besten die Anforderungen hinsichtlich Optik und Originalität.
Ein extra angefertigter Rahmen aus Ebenholz ermöglichte den Passgenauen Einbau in den bereits vorhandenen Ausschnitt an den beiden inneren Resonatoren.

Mit der Montage aller Komponenten war dieses Projekt erfolgreich abgeschlossen.


Die Arbeiten im Einzelnen:

• Gitarre demontiert
• Bodenrisse verleimt und verschliffen
• Bodenöffnungen nachgefräst
• passende Fichtenholzsegmente für Bodenöffnungen hergestellt, eingeleimt und verschliffen
• Bohrlöcher verfüllt und verschliffen
• Verleimung der offenen Fugen und Risse an Hals und Kopfplatte
• Bundstäbe unterkoffert
• Bünde abgerichtet, profiliert und poliert
• Griffbrett geschliffen, poliert und gewachst
• Lackierung überarbeitet, feingeschliffen und retuschiert
• Korpusboden schwarz lackiert und feingeschliffen
• Gitarre transparent überlackiert, feingeschliffen und poliert
• Kopie des originalen Saitenhalters angefertigt
• originalgetreues Stegunterteils angefertigt
• 6 Einschlaghülsen für Mechaniken angefertigt
• originalgetreue Mechaniken überarbeitet
• originalgetreues Schlagbrett + Befestigungselemente angefertigt
• PU-Rahmen angefertigt und montiert
• Potiknopf angefertigt
• Elektrik montiert
• montiert, besaitet und justiert
• dokumentiert und fotografiert


Bilder vor dem Lackieren:












Bilder nach der Restauration: 


Schlusswort:

Die HOYER FANTASTIK gehört zu den seltensten und skurrilsten Gitarren die jemals gebaut wurden. Aufgrund ihrer Rarität gibt es bis dato, außer den wenigen Bildern, keine detaillierten technischen Angaben und so verspürte ich das Verlangen, ein bisschen Licht ins Dunkel zu bringen.

Die Restauration der HOYER FANTASTIK gehört mit zu meinen aufwendigsten Projekten.
Dabei war für mich der Rückbau in den möglichst originalgetreuen Zustand oberstes Gebot.

An dieser Stelle möchte ich ganz herzlich meinem Gitarrenfreund Norbert Schnepel danken, der mir seine frühe FANTASTIK bereitwillig zur Verfügung gestellt hat. Ohne diese wertvolle Hilfe wäre es mir nicht möglich gewesen, die fehlenden HW-Komponenten bis ins kleinste Detail zu replizieren. Die umfangreichen Untersuchungen machten es auch möglich, die konstruktiven Unterschiede zwischen den Modellvarianten zu dokumentieren.


Nachrüstung:

Saitenhalter
Mechaniken + Einschlaghülsen
Stegunterteil
Tonabnehmer + Rahmen
Potiknopf
Schlagbrett + Befestigungselemente
2 Gurtpins
1 Satz Saiten Thomastik Jazz Swing .012


Datenblatt: