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Restauration einer seltenen „Multi-Schalllochgitarre“ von Herbert Todt

von Martin Kemmler

Diese außergewöhnliche Gitarre habe ich durch Zufall in „ebay“ entdeckt. Sie erweckte mein Interesse, da Schallöffnungen auf der Decke zu fehlen schienen. Beim näheren Betrachten entdeckte ich, dass die Gitarre ein äußerst seltenes Exemplar einer Multi-Schallloch Gitarre ohne Cutaway war. Mit Hilfe von Stefan Lobs Internetseite konnte als Erbauer schnell Herbert Todt ermittelt werden (vgl. www.schlaggitarren.de). Somit gab es nur noch wenig Zurückhaltung bei der Auktion und der Haushaltsplan geriet wieder einmal ins Wanken. Immerhin gelang es mir, meine Frau ebenfalls zu begeistern, so dass „eheliche Nachwirkungen“ vermieden werden konnten.

Die vollmassive Non-Cutaway Gitarre weist 10 Schalllöcher im Carving auf. Sämtliche Inlays und Intarsien sind mit echtem Perlmutt ausgeführt. Der Schraubhals war pfeilgerade.
Die Bundbreite am Sattel beträgt lediglich 38,5 mm! Daher vermute ich, dass die Gitarre von Herbert Todt in den sehr frühen 1950er Jahren hergestellt wurde.

Die Gitarre war substanziell im Wesentlichen gut erhalten. Die Decke hatte jedoch einen ca. 40 mm langen Riss zwischen zwei Schalllöchern, der problemlos stabil verleimt werden konnte. An der Decke der Gitarre war über die Jahre mit diversen Farben ausgebessert worden. Der Lack selbst war flächig so stark beschädigt, dass ich mich entschloss, ihn komplett zu erneuern (Nitrocellulose).
Beim Entfernen des extrem zähen Lackes kam wunderschönes, feinstrukturiertes und sehr hartes Fichtenholz zum Vorschein. Offensichtlich wurde dieses stabile Holz (vermutlich Alpenfichte) verwendet, um der bauartbedingten Belastung am Carving standzuhalten. Nach der vollständigen Entfernung des alten Lackes zeigte sich die meisterhafte Arbeit Herbert Todts im ganzen Umfang. Deshalb sollte die Gitarre „blond“ bleiben.

Die Brücke wurde aus Ebenholz originalgetreu hergestellt. Hals und Korpus sind bis auf die erneuerte Lackierung komplett original und praktisch makellos.
Die originale, aber nicht nutzbare Klinkenbuchse unter dem Schlagbrett wurde gegen eine 3,5 mm Buchse ersetzt. Gleichfalls wurde dort ein Rändelpoti angebracht, um das Volumen des Rellog PU regeln zu können.

Trotz des sehr schmalen Halses ist die Gitarre aufgrund niedriger Saitenlage gut bespielbar und weist einen wunderbar warmen Ton auf. Überrascht war ich, welchen hervorragenden Sound der Rellog produziert. Respekt!

Meines Erachtens hat die Gitarre bedingt durch die Bauart eine besondere Dynamik. Offenbar geriet diese Konstruktion zu unrecht in Vergessenheit und wurde in der Folge von keinem Gitarrenbauer mehr aufgegriffen!

Im Datenblatt (unten) sind die Maße der Gitarre sowie die durchgeführten Arbeiten detailliert aufgelistet.


© Martin Kemmler


© Martin Kemmler


© Martin Kemmler

Dr.Martin Kemmler
Verfasst am 12 September 2010 für schlaggitarren.de